Leto
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 08.11.2018
Regisseur: Kirill Serebrennikow
Schauspieler: Teo Yoo, Irina Starshenbaum, Roma Zver
Entstehungszeitraum: 2018
Land: RUS / F
Freigabealter: 12
Verleih: Weltkino
Laufzeit: 129 Min.
Endlich mal die Sau rauslassen
Rockmusik mag nicht das Erste sein, was man mit der Sowjetunion in Verbindung bringt. Aber es gab natürlich auch im Mutterland des Kommunismus eine Jugend, die sich Ventile suchen musste, um auszubrechen aus dem zensierten Leben. Davon erzählt "Leto" - ziemlich ungestüm und ein bisschen wehmütig. Dass Regisseur Kirill Serebrennikow kurz vor Ende der Dreharbeiten von "Leto" verhaftet wurde, ist ein ziemlich bitterer Treppenwitz der Geschichte. Feiert sein Film doch die künstlerische und persönliche Freiheit in der Sowjetunion - noch bevor sie durch Glasnost und Perestroika geduldet wurde.

Damals, im Leningrad (heute St. Petersburg) der frühen 1980er-Jahre, fühlten sich die Mächtigen von Punk und Rock herausgefordert, nun ist es ein Kinofilm. Die Freiheit wird im Kreml heute genauso argwöhnisch betrachtet, wie in den letzten Jahren vor Michail Gorbatschow, als die Partei- und Staatsführung aus dem letzten Loch pfiff. Für Serebrennikow bedeutet das: Er steht seit 2017 unter Hausarrest, ihm soll der Prozess wegen angeblicher Veruntreuung von Fördergeldern gemacht werden.

"Leto" fängt gleich mit der ersten Szene den Zeitgeist ein. Es mag etwas unwirklich scheinen, wenn in einem staatlichen Rockklub nervöse Genossen aufpassen, dass das Publikum auf den Stühlen nicht aus Versehen die Sau rauslässt. Übertrieben ist das aber nicht. Auf der Bühne steht Mike Naumenko (Roma Zver, bürgerlich Roman Bilyk) mit seiner Gruppe Zoopark. Die Zuschauer sind elektrisiert von der westlich klingenden Rockmusik. Aber sie dürfen es nicht zeigen. Hier geht alles noch seinen geordneten sozialistischen Gang. Auch das Vergnügen.

Trotzdem wird in dem Sommer, das bedeutet der Filmtitel, alles möglich sein, egal wie zensiert das Leben ist. Die Ordnung wird aufgebrochen in einem visuell großartigen Fiebertraum in Schwarz-Weiß, mit bunten Einsprengseln und rotzigen Comic-Überzeichnungen. Naumenko und seine Frau Natascha (Irina Starshenbaum) freunden sich mit Viktor Zoi (Teo Yoo) an, einem charismatischen Talent, das später die Gruppe Kino gründen wird, bis heute legendär in Russland.

Kirill Serebrennikow orientiert sich an den Biografien der echten Musiker, nimmt sich aber die künstlerische Freiheit, sie auszuschmücken. Ihm geht es nicht darum, eine ordnungsgemäße Biografie zu erzählen. "Leto" ist mehr als das, "Leto" ist ein wilder, ein ungestümer Film, ein Film, der die Energie transportiert, die damals in der Underground-Szene geherrscht haben muss, der die Freiheit feiert und den Rock, der der Jugend huldigt und ihrer Kraft.

Dabei ist "Leto" nicht nur ein doppelbödiges politisches Statement. Serebrennikow erzählt sehr poetisch von einer Ménage-à-trois, einer sehr besonderen Freundschaft, die sich aus einer gemeinsamen Verehrung von Iggy Pop, von David Bowie, Dylan, den Sex Pistols, Lou Reed, den Talking Heads und wie sie alle heißen, entwickelt. Die Musik hält alles zusammen, das Private wie das Gesellschaftliche.

Es ist natürlich ein Idealbild, das sich Serebrennikow da ausgedacht hat. Daraus macht der Regisseur keinen Hehl. Er schickt immer wieder einen Typen mit Brille vor, der darauf hinweist, dass vieles erfunden ist. Dennoch ist es echt, weil es sich echt anfühlt. Etwa dass Pendler in einem voll besetzten Leningrader Trolleybus für Viktor und Natascha Iggy Pops "The Passenger" singen. Das mag nie passiert sein, aber diese Szene passt so wunderbar in diesen Film über Rebellion und das Gefühl eines Aufbruchs. Irgendwann muss man ja mal die Sau rauslassen.

Von Andreas Fischer

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