So viel Zeit
Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 22.11.2018
Regisseur: Philipp Kadelbach
Schauspieler: Jürgen Vogel, Jan Josef Liefers, Richy Müller
Entstehungszeitraum: 2018
Land: D
Freigabealter: 6
Verleih: Universum Film
Laufzeit: 101 Min.
Jan Josef Liefers
trommelt in "So viel Zeit" (Start: 22.11.) seine alte Band zusammen
"Nicht immer lohnt der Job"
Mit dem "Handkamm" habe er sich heute frisiert, lacht Jan Josef Liefers, der von der Köln-Premiere seines aktuellen Kinofilms "So viel Zeit" (Start: 22.11.) ganz angetan ist. Gerührt sitzt der Schauspieler beim Interview und erklärt, warum er froh ist, dass diese in mancher Hinsicht ganz schön klein gehaltene Produktion auf der großen Leinwand besteht. Das weiß der Dresdener erst seit dem Vortag, denn er hat den auf der Romanvorlage von Frank Goosen basierenden Musikfilm bei der Uraufführung zum ersten Mal gesehen. Wenn der Sympathieträger, den jeder aus dem "Tatort" kennt (seit 2002 im Münsteraner Team an der Seite von Axel Prahl), einen Todkranken spielt, ist das filmisches Ackerland vom Feinsten. Auf dem grast Regisseur Philipp Kadelbach entsprechend gerne. Herausgekommen ist dabei durchaus mehr Melancholie als Schenkelklopfer. Warum müssen eigentlich immer alle warten, bis der Tod anklopft, um endlich das zu tun, was sie wollen? Jan Josef Liefers kann da nur spekulieren, aber dass es so ist, hat er selbst schon erlebt.

teleschau: Auch wenn nicht zu viel verraten werden soll: Wie lange dauerte es, bis Sie nach den Dreharbeiten wieder eine brauchbare Frisur hatten?

Jan Josef Liefers: Mit der halb abgeschorenen Seite sah ich eine Weile ganz schön bescheuert aus. Da habe ich auf meine alten Tage den Undercut entdeckt. Den bekam ich am letzten Drehtag verpasst, da kam die andere Seite einfach auch ab. Aber: Ich fand's nicht schlecht (lacht).

teleschau: Nicht schlecht fanden Sie auch den Film. Warum eigentlich?

Liefers: Weil er Erzählkino mit viel Emotionalität und Wärme ist. Das ist nicht unbedingt zu erwarten in einem Film, in dem hauptsächlich Männer vorkommen. Ein Effektfeuerwerk mit all dem, was modernes Kino gern auftischt, wäre fatal gewesen. Philipp Kadelbach hat auf Tempo, modische Bildtricksereien und alle Versuchungen, in die jüngere Regisseure heute sonst so kommen, verzichtet und ist nur über die Figuren gegangen. Durch diese reduzierte Herangehensweise konnte ein für unsere Zeit ungewöhnlicher Film entstehen.

teleschau: Bei dem es vor allem worum geht?

Liefers: Die Kraft der Musik, die Kraft der Freundschaft und eine Ebene tiefer um die Frage: "Was machen wir mit unserer Lebenszeit?" Die moderne Welt liebt die Selbstausbeuter, die klaglos mit vier Stunden Schlaf auskommen. Die brauchen dann bald Therapeuten, weil sie depressiv werden und an Schlafstörungen leiden, aber tagsüber sind sie das perfekte, zu allem bereite Energiebündel. In diese Zeit einen so handgemachten, unaufgeregten Film zu werfen - als Investor hätte ich die Frage gestellt, ob da genügend Rendite drin ist. Als Jan Josef habe ich den Film sofort zugesagt, weil wir Inseln im Strom brauchen.

teleschau: Sie spielen den Todkranken, der versucht, die alte Band wieder zusammenzubringen. Warum müssen alle warten, bis sie den Tod vor Augen haben, um zu tun, woran ihr Herz hängt?

Liefers: Wir wissen, dass wir sterben werden, hoffen aber, dass es noch sehr lange nicht passiert. Verständlich. Aber mit diesem Wissen gehen wir um, wie ein kleines Kind. Augen zu, nicht hinsehen, dann gibt es das auch nicht. Wir tun viel, um Krankheit und Verfall aus unserem Leben auszublenden. Aber hey, mit unserer Geburt beginnt unsere Lebenszeit abzulaufen. Wir bewegen uns in diese Richtung, auch wenn wir denken, wir haben noch so viel Zeit! Und auf einmal erfahren wir: Wir haben NUR noch so viel Zeit.

teleschau: Ein greifbares Ende verändert die Weltsicht?

Liefers: Ja, wir brauchen Haltestellen auf dem Highway ins nächste Meeting. Ich kenne das sehr gut, ein Jahr ist rum und wenn ich zurückdenke, fallen mir gerade noch drei, vier Filme ein. Aber was war eigentlich sonst noch los? Das finde ich gaga. Statt in der Erinnerung zu sagen "Oh, das war das Jahr, wo mein Sohn seinen ersten Schneidezahn verloren hat", sagt man "Ah, das war das Jahr, wo wir Tag und Nacht gearbeitet haben, um Weltmarktführer zu werden!"

teleschau: Dann erleichtern Kinder das Erinnern?

Liefers: Naja, mein Vater ist an Krebs gestorben. Er hatte, nachdem er die Diagnose bekam, drei Jahre, um nachzuholen, was es vorher nicht gab. Ich erinnere mich, einmal zeigte er auf meine Tochter, die damals fünf war und fragte mich "Wo warst du eigentlich in dem Alter?" Ich sagte "Bei euch." Ich glaube, es hat ihm zugesetzt, dass er keine lebendige Erinnerung an mich in diesem Alter hatte. Auch solche Gedanken stecken in unserem Film, durchaus große Themen.

teleschau: Neben der Vater-Sohn-Geschichte spielt die Musik von "Bochums Steine" eine wichtige Rolle. Die Bandmitglieder waren Rebellen der 80-er ...

Liefers: Nicht leicht, heute Musik zu schreiben, die in den 80-ern entstanden sein soll und gleichzeitig heute noch gut hörbar ist. Für mich funktionieren die Songs sehr gut. Die Musik der fiktiven Band ist absolut glaubwürdig. Es war schön zu sehen, wie sich die Kreise schließen. Alle Leute, die musikalisch im Hintergrund zugearbeitet haben, sind Freunde oder Bekannte von mir. Schön, wenn sich Musiker und Schauspieler mal so begegnen, weil dann auch meine beiden Welten aufeinander treffen.

teleschau: Haben Sie selbst auch mitgewirkt?

Liefers: Wenn man den Film bis ganz zum Ende des Abspanns guckt, hört man den Titelsong "So viel Zeit". Von dem gab es bis zum Tag vor der endgültigen Filmfertigstellung nur eine Idee. Aber die Budgets waren aufgebraucht, ich war im Urlaub, der Produzent saß in Berlin, der Zug schien abgefahren. Trotzdem fanden wir, dass ohne das Lied etwas Wichtiges fehlte. Dann hat er mir nachmittags den Track nach Spanien gemailt, ich habe in einem Kleiderschrank die Vocals eingesungen, alles zurückgemailt, er hat das Ding nachts gemischt, und am nächsten Morgen wurde es in den Film gepackt und nun ist es dort, wo es einfach hingehört!

teleschau: Sie haben das Lied im Kleiderschrank eingesungen?

Liefers: Ja, das sind die besten Gesangskabinen, Kleider killen alle unerwünschten Reflexionen, machen eine gute Akustik. Mikrofon davor, fertig. So habe ich mit meiner Band Radio Doria den Song beigesteuert. Das war ein Aufwand, für den am Ende keiner bezahlt wurde. Sowas gibt es im normalen Businessleben nicht, so was gibt es aber in der Welt, in der ich mich bewege. Deshalb liebe ich sie. Auch ein Jörg Hartmann (Kommissar im Dortmunder "Tatort" - Anm. d. Red.) hat Besseres zu tun als diese kleine Rolle als Radiomoderator zu spielen. Aber da geht es um Sympathie und dieses Herzblut dünstet der Film aus.

teleschau: Trotzdem: Haben Sie kurz gezögert, den Todkranken zu spielen? Oder kann man das alle 20 Jahre mal machen, denn so lange ist "Knockin' On Heaven's Door" her.

Liefers: Das Thema ist verwandt. Auch wenn die Geschichte hier anders läuft, kann ich nicht sagen, dass das Thema an Relevanz verloren hätte, eher im Gegenteil. Ich bin ja auch älter geworden und obwohl ich keine Altenpflegefantasien habe, ist meine Situation heute eine andere. Damals war noch alles zu gewinnen. Es war der richtige Film zur richtigen Zeit und für mich oder Moritz Bleibtreu ein guter Sprung in diesen Beruf. Heute stehe ich woanders und bin rein rechnerisch dem Ende meines Lebens näher als dem Anfang. Die Frage, wie verbringe ich meine Lebenszeit, bekommt also eine andere Dringlichkeit. Muss ich alles machen, nur weil es Ruhm oder Geld verspricht?

teleschau: Und, müssen Sie?

Liefers: Nö. Ich habe Kinder, die größer werden, und es gibt die Welt, in der sich Politik und gesellschaftliches Leben nicht unbedingt zum Besseren verändern. Da kann man seine Zeit sinnvoller verbringen. Film bedeutet jedes Mal, nicht zu wissen, was am Ende rauskommt. Ich liebe das, aber nicht immer lohnt der Job. Manchmal denke ich hinterher "Oh Mann, warum habe ich dafür meinen halben Urlaub gestrichen?".

Von Claudia Nitsche

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