James Marsden im Interview
James Marsden im Interview
"Ich war jung, blind und naiv"
Bei Netflix jagt eine neue Serie die nächste. Mit "Dead to Me" will der Streaming-Riese das Publikum nun mit schwarzem Humor anlocken. Neben den TV-Lieblingen Christina Applegate und Linda Cardellini ist auch "Westworld"-Star James Marsden zu sehen. Der 45-Jährige schlüpft in die Rolle des Steve, der zwar selbstsicher und abgeklärt wirkt, hinter dessen Fassade aber ein verwundbarer Mann mit einer komplizierten Vergangenheit steckt. Steve fühlt sich von Judys (Cardellini) großem Herzen und ihrem Freigeist angezogen, doch auch sie verbirgt etwas ... Seit 2016 spielt James Marsden überdies den Teddy Flood in der Hit-Serie "Westworld". Neben "Dead to Me" wird er als nächstes in Quentin Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" an der Seite von Brad Pitt und Leonardo DiCaprio zu sehen sein. Warum Tarentino für eine der besten Erfahrungen seines Lebens verantwortlich ist, verriet Marsden im Interview.

teleschau: Schauspieler zu sein, bedeutet auch, in Interviews viel über sich reden zu müssen - lernen Sie dabei manchmal etwas über sich selbst?

James Marsden: Manchmal ja, denn ich werde Dinge gefragt, die ich unter normalen Umständen nicht gefragt werde, und dann muss ich tief in mich blicken, um antworten zu können. Wie zum Beispiel für die Serie "Dead to Me", in der es um Freundschaft und Trauer geht. Ich wurde in dem Zusammenhang nun schon mehrfach gefragt, wie ich persönlich Trauer am besten verarbeite. Darüber nachzudenken und darüber zu sprechen, kommt mir vor wie eine Therapie-Stunde (lacht).

teleschau: Würden Sie sagen, dass die Schauspielerei eine Art Therapie für Sie ist?

Marsden: Ja, vielleicht ... Alleine die Auseinandersetzung damit, was ich mit einem Charakter gemeinsam oder auch nicht gemeinsam habe. Aber vor allem, was es über mich aussagt, dass ich eine bestimmte Rolle annehme und mich in diese hineinversetzen kann. Manchmal kann ich eine Rolle oder eine Handlung sogar nutzen, um mit meinen eigenen Problemen fertig zu werden. Deshalb kann es ohne Zweifel therapeutisch sein. Wir werden dafür bezahlt, echte Emotionen zu zeigen, wann immer der Regisseur "Action" ruft. Und das manchmal über zwölf Stunden am Stück. Natürlich ist das nicht normal, seine Emotionen so einfach ein- und auszuschalten.

teleschau: Fällt es Ihnen leicht, Emotionen ein- und auszuschalten?

Marsden: Es kommt darauf an, welche Szene es ist. Wenn ich hinterher nach Hause gehen kann, dann kann ich ganz einfach abschalten. Ich bin schließlich Vater dreier Kinder. Da kann ich manche Gefühle nicht mit nach Hause bringen.

"Da bin ich lieber weniger talentiert, habe dafür aber ein normales Leben"

teleschau: In der Serie "Westworld" spielen Sie seit 2016 die Rolle des Teddy Flood. Insgesamt wurde über viereinhalb Jahre gedreht. Nach so einer langen Zeit, wird der Charakter da zu einem Teil von Ihnen?

Marsden: Um ehrlich zu sein, ein bisschen schon. Aber die Episoden werden nicht täglich gefilmt, deshalb kann man immer wieder etwas Abstand gewinnen. Es ist nicht so, als ob man täglich in voller Montur auf dem Pferd sitzt und Leute umbringt (lacht). Ich hatte zwischendurch viele freie Tage, an denen ich nach Hause gehen und mit meinen Kindern spielen konnte. Das tut der Seele immer gut. Ich habe Glück! Im Gegensatz zu vielen anderen Schauspielern kann ich mich in Minutenschnelle in meine Rolle verwandeln und sie auch genauso schnell wieder ablegen. Die besseren Schauspieler können das nicht. Sie bleiben oft während der gesamten Dreharbeiten in ihrer Rolle. Aber da bin ich lieber ein bisschen weniger talentiert, habe dafür aber ein normales Leben (lacht).

teleschau: Sie sind mit 19 Jahren nach Los Angeles gezogen. War es immer klar für Sie, dass Sie Schauspieler werden wollen?

Marsden: Es war schon immer mein Traum, Schauspieler zu werden und das bis an mein Lebensende zu tun. Mir war aber auch von Anfang an klar, dass es nicht einfach wird. Ich war klug genug zu wissen, dass die Chancen darauf, es in Hollywood zu etwas zu bringen, genauso groß sind, wie nach Las Vegas zu fahren und den Jackpot zu knacken (lacht). Ich war jung, blind und naiv, doch ich hatte ein so gesundes Selbstvertrauen, dass ich total überzeugt davon war, es zu schaffen - und nur deshalb habe ich es auch geschafft. Diese Anerkennung gebe ich mir selbst. Ich wollte nichts anderes machen, als dort zu leben und mir eine Karriere aufzubauen. Alles andere ignorierte ich.

teleschau: Müssen Sie noch zu Castings gehen?

Marsden: Meine Karriere ermöglicht es mir, für die meisten Rollen nicht vorsprechen zu müssen. Trotzdem würde ich nicht zweimal darüber nachdenken, zu einem Casting für eine Rolle zu gehen, die mir wirklich am Herzen liegt. Manchmal ist es gut, mich den Filmemachern von einer Seite präsentieren zu können, eine, die sie noch nicht kennen. Das gibt mir die Chance zu zeigen, was wirklich in mir steckt.

teleschau: Wie gehen Sie damit um, wenn Sie abgelehnt werden?

Marsden: Das bringt die Branche, in der ich arbeite, nun mal mit sich. Manche Dinge kann man nicht kontrollieren. Entweder ist eine Rolle für mich geeignet oder eben nicht. Es gibt diesen tollen Spruch: "Je größer der Künstler, desto größer der Zweifel". Das perfekte Selbstbewusstsein ist den weniger Begabten gegeben worden - quasi als Trostpreis (lacht).

"Der reale Moment wird verpasst, weil man sich nur aufs Handy konzentriert"

teleschau: Hollywood hat sich in den letzten Jahren stark verändert. Viele Schauspieler haben das Gefühl, sich in den sozialen Medien präsentieren zu müssen. Sie selbst sind auch auf Social Media vertreten. Ist das Ihre eigene Entscheidung, oder tun Sie es, weil Sie glauben, mitziehen zu müssen?

Marsden: Ich glaube eher das Zweite. Ich bin nicht so erzogen worden, alles aus meinem Privatleben preiszugeben. Um ehrlich zu sein, habe ich damit echt ein kleines Problem, aber ich habe mich schon etwas gebessert. Ich poste ungefähr einmal im Monat etwas über mich. Ich verstehe mittlerweile, dass die Fans mich sehen wollen und auch wissen wollen, wie mein Leben aussieht. Ich selbst finde mich nicht so interessant, um ständig und alles über mich zu posten. Meistens dürfen wir keine Fotos am Set machen und wenn ich nach Hause gehe, verbringe ich meine Zeit mit meinen Kindern. Und das möchte ich nicht posten. Mal abgesehen davon, dass Bilder aus meinem Leben nicht gerade aufregend sind (lacht). Ich reise nicht durch die Welt, liege an tollen Stränden rum oder springe von teuren Jachten.

teleschau: Heutzutage fragen die Fans oft nach einem "Selfie", nicht mehr nach einem Autogramm. Wie ist das für Sie?

Marsden: Stimmt, dass gehört alles zur neuen Generation. Wenn mich jemand nach einem Autogramm fragen würde, würde ich übers ganze Gesicht grinsen und es ihm nur zu gerne geben. Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen und dem Fan ein Bild zu meiner Unterschrift malen (lacht). Leider passiert so was nur noch ganz selten. Was für mich am meisten zählt - aber leider auch kaum mehr passiert - ist, wenn ein Fan auf mich zukommt, mir in die Augen schaut, meine Hand schüttelt und sich mit mir unterhält. Diese Momente sind rar, weil Fans vor lauter Angst, dass ihr Handy nicht funktioniert und sie kein "Selfie" bekommen, an nichts anderes mehr denken. Das Traurige daran ist, dass sie sich später nie mehr richtig an diesen Moment erinnern können, weil sie ihn nicht leben. Das sieht man zum Beispiel auch, wenn man heutzutage auf ein Konzert geht. Jeder hält sein Handy hoch und filmt, aber keiner schaut sich hinterher das Konzert auf dem Handy an. Und der reale Moment wird verpasst, weil man sich nur aufs Handy konzentriert, dass es ja auch funktioniert und der Akku nicht leer ist.

"Der große Tarantino hat sich 90 Minuten für mich Zeit genommen!"

teleschau: Wir streng sind Sie mit ihren Kindern in Bezug auf Handys und Tablets?

Marsden: Es gibt Regeln. Meinem 18-Jährigen brauche ich nichts mehr zu sagen, er ist ein toller Kerl. Ich habe ihn gut erzogen. Ich habe noch eine 13-jährige Tochter und einen sechsjährigen Sohn. Auf beide muss ich achten. Meine Tochter ist jetzt auf Instagram, und natürlich folge ich allen, denen sie folgt. Aber irgendwann wird natürlich die Frage der Privatsphäre aufkommen, wenn meine Tochter es nicht mehr cool findet, dass ich überall mit verwickelt bin. Ich mache mir schon Sorgen, denn heutzutage sind gerade Teenager-Mädchen einem ziemlichen Druck ausgesetzt. Sie wollen Bikini-Fotos von sich posten und mit 15 oder 16 schon anfangen, sich Botox spritzen zu lassen. Ich versuche meinen Kindern zu erklären, dass weniger mehr ist und sie nicht zu viel von sich teilen sollen. Manche Dinge sollten privat bleiben und nur für einen selbst sein.

teleschau: Wir wissen, dass Sie nichts über "Dead to Me" verraten dürfen, aber wie sieht es denn mit dem Film "Once Upon a Time in Hollywood" aus? Können Sie dazu etwas verraten?

Marsden: Ich wünschte, ich könnte! Nur leider wurde mir das strikt untersagt. Ich möchte mir keinen Ärger mit Quentin Tarantino einhandeln. Aber was ich verraten kann ist, dass wir extrem viel Spaß hatten. Es gibt keinen anderen Mann auf dieser Welt, der Filme und das Filmemachen so liebt wie Tarantino. Ich war bei der Kostümprobe, als er zu mir kam und mir eineinhalb Stunden erklärte, wie mein Charakter aussehen sollte. Ich wünschte, ich hätte das Gespräch aufgenommen. Der große Tarantino hat sich 90 Minuten Zeit genommen, um mir seine Aufmerksamkeit zu schenken - das war eine der besten Erfahrungen meines Lebens.

Von Rachel Kasuch

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