"Lieber Antoine als gar keinen Ärger"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 24.10.2019
Regisseur: Pierre Salvadori
Schauspieler: Adèle Haenel, Pio Marmai, Audrey Tautou
Entstehungszeitraum: 2018
Land: F
Freigabealter: 16
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Laufzeit: 109 Min.
Schauspielerin Adèle Haenel im Porträt
Schauspielerin Adèle Haenel im Porträt
"James Bond nervt nur"
An Adèle Haenel kommt man derzeit nur schwer vorbei. In "Porträt einer jungen Frau in Flammen", Céline Sciammas im Frühjahr in Cannes gefeiertem Meisterwerk, spielt Haenel eine Adelige, die im Frankreich des Jahres 1770 Porträt sitzen soll für eine junge Malerin. Das Gemälde soll einem reichen Mailänder geschickt werden, der sie ehelichen will. Doch die junge Frau verweigert sich der Bindung - und stürzt sich stattdessen in eine Affäre mit der Malerin. Bevor das bildgewaltige Drama am 31. Oktober in den deutschen Kinos startet, ist Adèle Haenel zunächst aber in der romantischen Komödie "Lieber Antoine als gar keinen Ärger" zu sehen (ab 24. Oktober).

Die rotblonde 30-Jährige sitzt in der Küche einer Hotelsuite in Berlin, um über den Film von Regisseur Pierre Salvadori zu sprechen. Es ist kalt draußen, sie trägt einen schwarzen Rollkragenpullover und eine Wollhose. Der rechte Arm baumelt unter dem Tisch; mit der linken Hand spielt sie mit einem Flaschendeckel. Mit großen blauen Augen schaut sie von unten herauf. Sie spricht schnell und hektisch, Worte und Sätze überschlagen sich.

In ihrem Heimatland Frankreich genießt Haenel bei der Kritik und in ihrer Branche ein hohes Maß an Verehrung. "Ohne sie wäre der Film gar nicht möglich gewesen", sagten etwa die Brüder Jean-Pierre und Luc Dardenne, nachdem sie 2016 "Das unbekannte Mädchen" mit Haenel gedreht hatten. Und André Téchiné verglich ihr Talent mit dem von Isabelle Adjani und Gérard Depardieu in ihren Anfangsjahren. Pierre Salvadori war bei "Lieber Antoine als gar keinen Ärger" zwar zunächst skeptisch. "Aber sie hatte eine solche Lust am Spielen, dass ich zum Produzenten gesagt habe: Wir versuchen das." Und: "Eines Tages war sie eine großartige Komödiantin, als sie beim Drehen erschien."

Ein Karrierestart wie im Märchen

Zweimal hat Haenel, die Tochter einer französischen Mathelehrerin und eines technischen Übersetzers aus Österreich, bereits den César gewonnen, die höchste Auszeichnung Frankreichs für Filmschauspieler, und außerdem den Nachwuchspreis "Prix Romy Schneider". Publicity reizt sie aber wenig. Distanz zum Starkino schwingt immer mit, wenn sie über Rollenspiel und Geschichtenerzählen als alltägliches Lebenselixier räsoniert.

In "Lieber Antoine als gar keinen Ärger" spielt Adèle Haenel nun die Polizistin Yvonne. Die Gesetzeshüterin scheut keine Mühe, den unschuldig verurteilten und vorzeitig freigelassenen Antoine davor zu bewahren, doch noch in die Kriminalität abzugleiten. Sie braucht, als sie ihn kurz aus den Augen verliert, einen fahrbaren Untersatz. Entschlossen zieht sie ihre Waffe und schießt auf einem Jahrmarktstand den Hauptgewinn, ein Moped.

Eine Schauspielschule hat Adèle Haenel nicht besucht. Auf den ersten Blick begann ihre Filmkarriere als Märchen. Ihr Bruder nahm an einem Casting teil - aber es war Adèle, die ihn nur begleitete, die später in dem Film mitgewirkt hat. Das war 2002, mit 13 Jahren. Jung oder nicht - die meisten mit einem solchen Start bleiben sofort beim Film. Nicht so Adèle Haenel. Warum nicht, mag oder kann sie gar nicht recht sagen. Sie murmelt etwas von unglücklichen Beziehungen und dem harten Milieu der Filmbranche, das sie damals abgestoßen habe, obwohl sie das Schauspiel bereits enorm interessierte. Über Privates äußert sie sich nur selten. Für die französischen Boulevard-Medien war es deshalb eine große Sache, als sie sich öffentlich zu ihrer damaligen Beziehung mit der Regisseurin Céline Sciamma bekannt hat, die ihr mit "Water Lilies - Der Liebe auf der Spur" (2007) nach fünf Jahren Abstinenz einen Neueinstieg in das Filmemachen ermöglichte.

Lügen erlaubt

Geht es aber ums Schauspiel, redet sich Adèle Haenel richtiggehend in einen Rausch. Sie trifft gleichzeitig den Kern von "Lieber Antoine als gar keinen Ärger" und die eigene Darstellungskunst. "Es geht um die Notwendigkeit, Geschichten zu erzählen", entgegnet sie auf die Frage nach dem Thema des Films sofort. "In gewisser Weise erzählen alle im Film Lügen", erklärt sie. Haenels Yvonne erzählt ihrem Sohn die vermeintlichen Heldentaten seines Vaters, auch nachdem sie von dessen Missetaten erfahren hat. Antoine spielt sie vor, Prostituierte zu sein, um ihn ungestörter überwachen zu können. Gegenüber seiner Frau behauptet er, nur mal schnell Zigaretten holen zu wollen, und überfällt stattdessen den Tabakladen.

Abgesehen von solchen Auswüchsen findet Haenel an Lügen nichts Verwerfliches, ja hält sie für notwendig. "Die Menschen im Film lügen, damit sie ihr Leben leben können und überhaupt einen Weg zur Wahrheit finden können", betont sie. "Jedes Mal kommen sie ein kleines Stück weiter. Während sie Rollen spielen und Erfundenes erzählen, maskieren sie ihre Gefühle und offenbaren sie gleichzeitig." Mit anderen Worten: Wir alle spielen Theater, um leben zu können, und Schauspiel ist nur eine andere Form, eine professionelle, die das Rollenspiel selbst sichtbar macht. "Schauspiel bedeutet nicht, ein Gefühl mit einem bestimmten Gesicht zu versehen", stellt sie klar. "Es geht darum, eine ganz neue Oberfläche zu erzeugen und nicht Gefühle in Reinform zu zeigen, sondern auch, dass diese immer mindestens ein bisschen maskiert sind."

Bei "Lieber Antoine als gar keinen Ärger" habe sie viel gelernt, betont Haenel. "Vor allem eine innere Mobilität - von einer Emotion zur anderen und wieder zu einer anderen zu gelangen - und wieder zurück." Sie will sich immer weiterentwickeln und stellt Ansprüche an sich und die Zuschauer. Internationale Superproduktionen mit Blockbuster-Appeal interessieren sie nicht. Anders als ihre Kollegin und Landsfrau Léa Seydoux, die in "Spectre" die weibliche Hauptrolle übernahm, scheint sie 007 im Falle eines Angebots mühelos widerstehen zu können. "James Bond, so was nervt mich nur."

Von Andreas Günther

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