Paula Beer im Interview
Paula Beer im Interview
"Man braucht einen gewissen Narzissmus"
Wie es sich anfühlt, mit Anfang 20 die Hauptrolle in der wohl mitreißendsten und erfolgreichsten deutschen Serienproduktion überhaupt zu spielen, weiß Paula Beer natürlich. Allein: Viele Worte verliert die junge Schauspielerin darüber nicht. Bescheiden freut sie sich über den Hype um den Investmentbanking-Thriller "Bad Banks", zu dem sie mit ihrem enormen Talent nicht unwesentlich beitrug. Gerade 25 Jahre alt geworden, gehört die inzwischen vielfach prämierte Berlinerin bereits zu den Stars des deutschen Films. Nach international beachteten Werken wie François Ozons "Frantz" und Florian Henckel von Donnersmarcks "Werk ohne Autor" geriet Beer, die schon mit Romy Schneider verglichen wurde, zum Liebling nicht nur der Kritik, sondern auch der großen hiesigen Regisseure. In Christian Petzolds Seghers-Adaption "Transit" begeistert sie ebenso wie in dessen kommendem Berlinale-Wettbewerbs-Beitrag "Undine". Sorge, dass sie auf ihre fantastische Paraderolle der ehrgeizigen Bankerin Jana nach der nun startenden zweiten Staffel "Bad Banks" (ab Donnerstag, 6. Februar, auf ARTE) festgelegt bleibt, braucht Paula Beer sicher nicht haben.

teleschau: Könnten Sie in einem Gespräch zwischen Bankern inzwischen mitreden - oder zumindest so tun?

Paula Beer: Wenn ich nicht viel sage, vielleicht (lacht). Ich glaube, es würde sehr schnell auffallen, wenn man keine Ahnung hat. Es handelt sich dabei schließlich um sehr kluge, intelligente Menschen, die überall auf dem neuesten Stand sind.

teleschau: In der zweiten Staffel geht es vor allem um die junge Start-Up-Finanzbranche. Trafen Sie zur Vorbereitung wieder erfahrene Experten?

Beer: Wir hatten wieder denselben Fachberater aus der ersten Staffel dabei, der sich in beiden Welten auskennt. Auch besuchten wir Start-Ups und Fintechs, bei denen wir mal reinschauen konnten, um mit den Leuten zu reden und zu sehen, wie die Atmosphäre dort so ist.

teleschau: Wie erlebten Sie diese Szene im Vergleich zur alten etablierten Frankfurter Bankenwelt?

Beer: Das war aufregend, auch wenn die nun nicht unbedingt sympathischer sind oder so. Ich finde beides sehr faszinierend. Das geht mir mit vielen Orten so, die man sonst nicht so einfach zu Gesicht bekommt.

teleschau: Kamen dabei nach der ersten Staffel Banker auf Sie zu, die "Bad Banks" gesehen hatten?

Beer: Es kam keiner direkt und sagte: "Ey, ich hab mir das angesehen". Aber basierend darauf, was man so hört, kennen es einige. Was aber geschah: Ich wurde zu Diskussionen mit jungen Menschen eingeladen, um von der Berufswelt der Banker zu erzählen. Das war eigenartig - schließlich bin ich dafür wohl eher der falsche Ansprechpartner (lacht).

teleschau: Scheint so, als hätten Sie Ihre Rolle enorm glaubwürdig gespielt ...

Beer: Ich denke, dass passiert schnell. Der Trugschluss lautet dann: Die kennt sich damit aus. Und schon wird man zum Profi und Spezialisten in diesem Gebiet. Und klar: Ich habe mich damit beschäftigt und dazu recherchiert, aber das heißt nicht, dass meine Meinung fundierter ist.

"Wer bin ich, dass die mich kennen sollten?"

teleschau: Wurden Sie auf der Straße als Bankerin Jana angesprochen?

Beer: Nach der ersten Staffel passierte das ein paarmal. Aber ich erlebte ebenso, dass Leute mich bei privaten Veranstaltungen überhaupt nicht erkannten. Erst als es dann darum ging, was man so macht, war das Erstaunen groß: "Ach das bist du?" Man rechnet ja auch nicht damit, dass man diese Figur auf einem Geburtstag trifft (lacht). Und wer bin ich, dass die mich kennen sollten?

teleschau: Immerhin die Hauptdarstellerin einer der besten deutschen Serien überhaupt ...

Beer: Ich finde es schön, wenn die Leute schauen, was ich mache. Aber ich finde es auch überhaupt nicht schlimm, wenn man sich nicht dafür interessiert. Ich kenne mich ja auch in vielen Bereichen gar nicht aus. Das ist ja legitim.

teleschau: Andererseits hat Ihr Bekanntheitsgrad beim Publikum und im professionellen Bereich durch "Bad Banks" ja sicher enorm zugenommen, oder?

Beer: Ja, ich glaube, weil Serien noch eine andere Tragweite haben. Man kann es bequemer gucken und erreicht dadurch eine größere Zuschauerschaft.

teleschau: Es scheint immerhin, als würden Sie sich für sehr ausgewählte Projekte entscheiden ...

Beer: Wenn ich ein Drehbuch lese, weiß ich vorher nicht, ob das Projekt ein großer Erfolg wird oder die letzte Grütze. Alles, was ich kann, ist, ein Gefühl dafür zu entwickeln: Möchte ich dafür fünf Monate Energie raushauen? Dabei geht es um die Lust, die ich auf ein Projekt habe.

teleschau: Wie war das bei "Bad Banks"? Die Bankenthematik wirkt schließlich auf den ersten Blick recht dröge ...

Beer: Mich begeisterten die Figuren und ihr Verhältnis zueinander. Da ist es fast egal, in welchem Bereich das angesiedelt ist. Obwohl ich ganz am Anfang, vor dem Casting, schon darüber nachdachte, wer eine Serie über Banking überhaupt schauen will (lacht).

teleschau: Leise Zweifel gab es also doch?

Beer: Nicht unbedingt - ich wollte mit Christian Schwochow, und auf Basis dieser Bücher, unbedingt arbeiten. Aber ich war mir nicht sicher, ob ich nicht viel zu jung für die Rolle bin. Bis ich merkte, dass auch die Banker, die spekulieren, in meinem Alter sind.

teleschau: Wann wussten Sie, dass "Bad Banks" ein Riesenerfolg werden würde?

Beer: Das Komische ist, dass ich es noch immer nicht realisiere (lacht). Auch wenn ich die Reaktionen natürlich mitbekomme. Wenn man selbst mit drinsteckt, weiß man eben, dass es im Grunde ganz normale Arbeit war. Aber gefühlt hört diese Erfolgswelle auch nicht auf - erst im November waren wir bei den Emmys. Verrückt, weil die erste Staffel ja nun doch schon länger her ist.

teleschau: Gab es deshalb nicht vor der zweiten Staffel einen enormen Druck?

Beer: Ich mach mir diesen Druck gar nicht selbst. Denn was am Ende herauskommt, liegt zwar auch an mir - aber eben nicht ausschließlich. Die Herausforderung lag eher darin, eine Figur noch einmal zu spielen. Das hatte ich vorher noch nie.

teleschau: Wie gingen Sie diese Herausforderung an?

Beer: Das Problem war, dass es nicht nur eine Pause, sondern auch einen inhaltlichen Zeitsprung gab. Ich fragte mich erst, wie das gehen soll, jetzt eine bekannte, aber zugleich neue Figur zu spielen. Dahingehend war ich schon aufgeregt. Es half mir, meine Aufzeichnungen der letzten Staffel noch einmal anzuschauen. Der Körper erinnert sich dann. Hilfreich war auch, mir den Verlauf der Arbeit vor ein paar Jahren noch einmal ins Gedächtnis zu rufen - also wie ich die Figur Jana entwickelte und was es zu verbessern gibt.

"Ein Problem ist, dass die Verantwortung weggeschoben wird"

teleschau: Machte es Spaß, die Figur weiterzuentwickeln?

Beer: Es ist fast wie ein Studium. Man probiert etwas, sieht das Resultat und arbeitet dann weiter daran. Vor allem aber ist Jana eine so tolle Figur, die sich eben auch selbst weiterentwickelt. Daher mache ich nicht permanent dasselbe wie in Staffel Eins, sondern füge ihr neue Qualitäten hinzu.

teleschau: Inwiefern beobachteten Sie an sich, dass Sie Züge von Jana übernahmen?

Beer: Ich versuche das schon sehr zu trennen. Andererseits färbt jedes Projekt ein bisschen auf einen ab. Schließlich macht es etwas mit dir, wenn du stundenlang am Set Dinge tust, die du sonst nicht tun würdest. Dahingehend half mir etwa Janas Art, an Dinge heranzugehen, auch beim Dreh. Sie ist sehr effizient. Ich konnte für mich mitnehmen, als Schauspielerin effizienter zu arbeiten. Wir haben eben ein großes Pensum und nicht viel Zeit. Ich kann also von meinen Figuren lernen - übernehme aber keine Charakterzüge.

teleschau: Sehen Sie Parallelen zwischen der Investmentbanking-Branche und der Schauspielerei?

Beer: Es gibt tatsächlich wahnsinnige Parallelen. Zum einen arbeitet man projektbezogen und muss sich immer wieder komplett neu reinarbeiten, um die immer wieder neue Materie zu verstehen. Zum anderen ist man jeweils in einem System, in dem man im Grunde austauschbar ist, und trotzdem bestehen will und muss. Man ist als Schauspieler seine eigene Marke, seine eigene Firma. Man wird irgendwo hingepackt. Und das ist beim Banking so ähnlich.

teleschau: Hat sich Ihr Bild von Investmentbankern verändert?

Beer: Es ist vor allem konkreter geworden. Vorher wusste ich nicht, was die eigentlich machen. Und warum sich Menschen entscheiden, das zu tun.

teleschau: Und wissen Sie eine Antwort?

Beer: Das ist so unterschiedlich wie die Motivation von Schauspielern, Schauspieler zu werden. Zumal man da schwer herankommt. Es sind so kluge Menschen, die genau wissen, wie man sich verkauft.

teleschau: Das Klischee des skrupellosen, gierigen Bankers wird also nicht bestätigt?

Beer: Wenn, dann weiß man das gut zu verbergen. Jedes Klischee hat ja einen Ursprung. Das spielt mit rein. Aber letztlich sind es auch nur Menschen.

teleschau: In welcher Hinsicht können diese Menschen auch Vorbild sein?

Beer: An denen, die ich traf, faszinierte mich am meisten, wie sehr sie in der Lage sind, Dinge in einem größeren Kontext zu sehen. Rauszuzoomen und das große Ganze, die Logik dahinter zu sehen.

teleschau: Warum geht die Moral und Verantwortung für gesellschaftliche Folgen dabei oft verloren?

Beer: Ein Problem ist, dass die Verantwortung weggeschoben wird. Das Wissen, dass es ein anderer macht, wenn ich es nicht mache. Und dass ich einen Vorteil habe, wenn ich es mache. Man tut Dinge, weil andere das wollen. Man selbst ist Ausführender und nicht Initiator. Und dann ist da noch die Frage nach dem Ego und der Macht. Man braucht einen gewissen Narzissmus, sonst hält man das nicht aus. In der Schauspielerei ist es ja ähnlich (lacht).

teleschau: Apropos: Was soll nach all dem Erfolg und all den Preisen in Ihrer jungen Karriere jetzt noch kommen?

Beer: Es ist natürlich sehr toll, das meine Arbeit jetzt schon gesehen und geschätzt wird. Aber ich mache den Beruf ja, weil ich spielen möchte. Nicht, um Preise zu gewinnen. Aber natürlich ist es ein großer Vorteil, dass Leute dadurch nun bei bestimmten Projekten an mich denken.

Von Maximilian Haase

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