Felicitas Woll im Interview
Felicitas Woll im Interview
"Lolle ist ein Teil von mir"
Die ARD-Serie "Berlin, Berlin" war Anfang der Nullerjahre ein Überraschungserfolg: vier Staffeln, die in mehr als einem Dutzend Ländern ausgestrahlt wurden, dazu ein International Emmy Award. Nun erscheint, 15 Jahre nach der letzten Folge, die Fortsetzung - auf Netflix (ab 8. Mai), statt, wie eigentlich geplant, im Kino. Im Zentrum von "Berlin, Berlin" steht auch diesmal Lolle Holzmann, gespielt von Felicitas Woll, für die die Serie einst den Durchbruch bedeutete. Wie es war, nach so langer Zeit erneut in diese Rolle zu schlüpfen und wie das Wiedersehen mit den alten Kollegen ausfiel, verrät die 40-Jährige im Interview.

teleschau: Frau Woll, wie geht es Ihnen in der Corona-Pandemie?

Felicitas Woll: Ich denke. mir geht es ganz ähnlich wie den meisten von uns. Gemischte Gefühle. Ich wünsche mir sehr, dass alles bald gut beendet ist und dass sich aus allem ein großer Wandel einstellt. Ich beobachte bei mir, dass ich es sehr genieße, zu Hause mit den Kindern und der Familie zu sein. Aber ich sehne mich auch sehr nach meiner Arbeit und nach Freiheit. Ich habe angefangen, wieder bewusster zu kochen und zu essen, in Ruhe spazieren zu gehen, früh schlafen zu gehen und früh aufzustehen. Detoxen für Körper und Seele. Und ich versuche, in dieser Katastrophe trotzdem positiv zu sein.

teleschau: Wie finden Sie es, dass "Berlin, Berlin" nun bei Netflix läuft und nicht im Kino?

Woll: Ich bin ganz froh, dass die Fans von "Berlin, Berlin" den Film jetzt bei Netflix sehen können. Sie mussten schon so lange warten. Gerade jetzt, in dieser Zeit, freut sich jeder über Ablenkung und schöne Filme oder Serien. Es ist natürlich sehr schade, das großartige Gefühl des Kinos und des Publikums nicht erleben zu können, aber ich hoffe, man kann es irgendwie nachholen. Deshalb finde ich die Entscheidung für Netflix jetzt genau richtig.

teleschau: Die letzten Folgen der Serie "Berlin, Berlin" wurden vor 15 Jahren ausgestrahlt. Wie kam es zu der Idee, ausgerechnet jetzt einen Film zu drehen?

Woll: Wir haben schon vor ein paar Jahren darüber gesprochen. Aber da war einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt. In den letzten Jahren habe ich viele andere Projekte gemacht, viele ernsthafte Rollen gespielt, mich ausprobiert und geschaut, wo es mich so hinbringt. Vielleicht hatten wir auch ein bisschen Respekt davor: Ist es richtig, den Film nach so vielen Jahren noch zu machen? Man geht ja auch mit ganz anderen Erwartungen an so ein Projekt, als man das noch mit Anfang 20 gemacht hat. Da springt man einfach rein und sagt: Was kostet das Leben? Wir machen das!

"Ich habe alle Jungschauspieler in Berlin geküsst"

teleschau: Warum entschieden Sie sich dann letzten Endes doch für den Film?

Woll: Zum Schluss war die Lust einfach so groß, Lolle noch einmal zu spielen, die Leichtigkeit wiederzubekommen und mich morgens ins Maskenmobil zu setzen, und Lolle sitzt da wieder, und Sven und Hart kommen rein. Das war wie nach Hause kommen und hat mir nach all den ernsthaften Rollen wirklich gutgetan. Und es war lustig, wir haben viel gelacht. Wir wussten natürlich auch, dass David Safier, der Drehbuchautor, uns und die Figuren in- und auswendig kennt. Da war ich mir dann einfach sicher, dass jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist.

teleschau: Die Figuren Sven und Hart werden wie damals von Jan Sosniok und Matthias Klimsa verkörpert. Auch Rosalie, gespielt von Sandra Borgmann, ist im Film dabei. Wie war es denn, diese alten Kollegen wiederzutreffen?

Woll: Wir alten Nasen haben uns nie wirklich aus den Augen verloren. Wir sind ja wirklich Freunde geworden. Wir haben regelmäßig Kontakt miteinander.

teleschau: Wie erklären Sie sich den Erfolg der Serie?

Woll: Die Serie wurde Anfang der 2000er-Jahre ausgestrahlt. Das war eine komplett andere Zeit, was man auch an den Kostümen sieht. Damals hatten wir viel mehr Zeit zum Arbeiten und zum Proben. Teilweise haben wir sogar am Set in der WG gewohnt und eine Woche lang zusammen gecampt. Dabei machten wir uns überhaupt keine Gedanken darüber, ob das jetzt ein Erfolg wird. Wir waren diese Clique, die man in der Serie sehen konnte. Und das ist auch das gewesen, was uns so erfolgreich gemacht hat: Wir haben nicht über irgendwas nachgedacht, sondern das einfach nur gelebt.

teleschau: Hat diese Arbeitsweise mit zunehmendem Erfolg geändert?

Woll: Gott sei Dank konnten wir das dann auch noch ein bisschen weiter durchziehen, obwohl es nach der ersten Staffel schon klar war, dass wir erfolgreich sind. Ab der zweiten Staffel konnten wir schon gar nicht mehr über die Straße laufen, weil die Leute uns erkannten und uns hinterherrannten. Trotzdem sind wir so geblieben, wie wir waren, hatten einfach nur Spaß an dieser Arbeit und konnten diese Zeit genießen. Das hat uns viel Glück gebracht.

teleschau: Damals wurde die Serie abgesetzt, weil Sie ausgestiegen sind. Können Sie sich erinnern, warum?

Woll: Die Dreharbeiten zu der ersten Staffel dauerten neun Monate am Stück. Manchmal konnte ich mich an die gedrehten Szenen gar nicht mehr erinnern, weil ich so viel gearbeitet habe. Irgendwann kam dann der Punkt, an dem ich das Gefühl hatte: Ich habe genug mit Lolle geweint, ich habe genug mit ihr gelacht, ich habe alle Jungschauspieler aus Berlin geküsst, und ich bin genug durch Berlin gelaufen. Irgendwann hatte ich einfach Lust, etwas anderes zu machen und mich zu entdecken und weiterzureisen und zu gucken, wo es mich hinführt.

"Wenn du eine Rolle so lange spielst, dann bleibt sie auch"

teleschau: Lolle hatte offenbar eine große Bedeutung in Ihrem Leben. War es schwer, sich anschließend von der Rolle zu lösen?

Woll: Eigentlich gar nicht, es wurde mir auch leicht gemacht. Direkt im Anschluss habe ich den ZDF-Zweiteiler "Dresden" gedreht. Das war das erste Mal, dass ich bei einem Casting wirklich wusste: Ich bekomme die Rolle. Das war für mich ganz klar. Obwohl da so viele tolle Schauspieler waren, die zum Teil schon jahrelang gedreht haben, während ich ja noch ein Küken war, das vier Jahre lang Komödie gemacht hatte. Aber ich wusste, dass dieser Teil in mir ist, auch ernsthaft zu spielen. Und deswegen war "Dresden" ein ganz großer Schritt für mich. Danach ging es auch gut weiter. Ich war vom Glück geküsst und hatte viele Chancen, mich auszuprobieren. Die Figuren sind oft auf mich zugekommen: Ich musste eigentlich nur vertrauen und es mir wünschen. Dafür bedanke ich mich heute sehr oft nach oben. Deswegen war es auch so toll, zurückzukommen und wieder Lolle zu sein. Eine Figur mit einer so großen Verrücktheit zu spielen, ist wirklich ein Geschenk.

teleschau: War es schwer, sich nach all den Jahren wieder auf die Rolle vorzubereiten?

Woll: Nein. Lolle ist ein Teil von mir. Ich musste mich weder reingucken noch reinfühlen, denn ich habe die Serie so oft gesehen, dass ich sie sogar heute noch zum Teil auswendig mitsprechen kann. Ich zog einfach mein Kostüm an, und als die anderen, die ich aus der Clique kenne, dann zur Tür reinkamen, war alles sofort wieder da.

teleschau: Wie macht sich das bemerkbar, dass Lolle ein Teil von Ihnen ist?

Woll: Zu Beginn der Serie war ich 20 Jahre alt. In diesem Alter willst du die Welt entdecken, da passiert so viel in dir selber, du hast Träume und Wünsche. Gerade in dieser Zeit war Lolle so intensiv bei mir, dass ich eigentlich nur sie gelebt habe. Manchmal kam ich dann nach dem Dreh nach Hause und dachte: "Ach ja, stimmt. Das bin ja ich." Irgendwann habe ich mich dann davon freigestrampelt und bin wieder ich selbst geworden. Aber Lolle ist nie ganz verloren gegangen. Wenn du eine Rolle so lange spielst, dann bleibt sie auch.

"Wir waren verrückt"

teleschau: Wie sich herausstellt, ist Lolle immer mehr zum Arbeitstier mutiert. Ist das auch eine Entwicklung, die Sie bei sich selbst bemerkt haben?

Woll: Nein, eigentlich gar nicht. Lolle sucht unglaublich nach einer Sicherheit, die sie nie hatte. Sie hatte nie dieses Gefühl, irgendwo anzukommen und nicht mehr vor irgendwas wegzulaufen. Ich kann nachvollziehen, dass sie auf der einen Seite das Bedürfnis nach Sicherheit hat, auf der anderen Seite aber auch die Leidenschaft zum Leben ganz groß ist. Irgendwann merkt Lolle, dass die Leidenschaft fehlt. Deswegen bricht sie auch wieder aus. Ich finde diese Mischung, Sicherheit zu wollen und trotzdem Leidenschaft zu leben und verrückte Sachen zu machen, großartig. Das ist etwas, was ich persönlich gerne lebe.

teleschau: Und natürlich ist Lolle mal wieder hin- und hergerissen zwischen zwei Männern. Können Sie das nachvollziehen?

Woll: Die Liebe ist etwas, das sich immer wieder ändern kann. Das Versprechen "für immer" ist etwas, von dem man ganz klar wissen muss: Das kann schnell vorbei sein. Und ich finde, das sieht man bei Lolle. Ich habe das von so vielen Frauen gehört, die mir geschrieben haben: "Ich kann das so gut verstehen. Ich kann mich so gut in sie hineinversetzen, und es geht mir ähnlich." Und das ist schön. So ist das Leben, und so sind wir alle.

teleschau: Der Film spielt viel mit Nostalgie und zeigt viele alte Szenen ...

Woll: Der Film will den Zuschauer abholen und gemeinsam mit ihm in die alte Zeit zurückgehen. Viele meiner Erinnerungen an damals sind heute wieder mit dabei. Man sieht uns 15 Jahre früher und sieht immer noch dieselben Probleme. Ich finde, es ist eine schöne Mischung geworden aus dem von früher und jetzt.

teleschau: Denken Sie, eine Serie wie "Berlin, Berlin" könnte heute auch noch im Fernsehen funktionieren?

Woll: Natürlich kommen wir aus einer ganz anderen Zeit. Das sieht man uns ja auch an. Aber letztendlich könnte es schon funktionieren. Wir waren verrückt, und ich glaube, das war auch das, was gut funktioniert hat. Wir haben damals den Emmy gewonnen. Das heißt, die Amerikaner haben damals auch sehen können, dass wir uns einfach noch Dinge getraut haben. Wir haben uns getraut zu zeigen, dass eine Filmfigur plötzlich begreift, dass sie eine Filmfigur ist. Das ist ja an sich schon so verrückt.

Von Elisa Eberle

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