"The Good Liar - Das alte Böse"
Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 28.11.2019
Regisseur: Bill Condon
Schauspieler: Helen Mirren, Ian McKellen, Russell Tovey
Entstehungszeitraum: 2019
Land: USA
Freigabealter: 12
Verleih: Warner Bros. Pictures Germany
Laufzeit: 110 Min.
Alter schützt vor Bosheit nicht
Es ist eigentlich nicht weiter ungewöhnlich: Zwei Menschen haben sich online kennengelernt, sie chatten, sie mögen einander und sie beschließen, sich auch im echten Leben zu treffen. So etwas passiert tagtäglich viele Tausende Male. Seltener ist es allerdings, wenn auf beiden Seiten des Computers Menschen sitzen, die bereits um die 80 sind. Aber Roy (Ian McKellen) ist nicht nur auf Brautschau. Er ist auf der Jagd. Nach einem neuen Opfer, dem er alles nehmen kann. Betty (Helen Mirren) scheint dieses perfekte Opfer zu sein. Eine Frau, die seit einem Jahr verwitwet ist und nun nach einem Freund sucht. Nach einem Mann wie Roy, der charmant, freundlich und humorvoll ist. Das erste Treffen läuft hervorragend, beide sind sich sympathisch. Natürlich wollen sie sich wiedersehen.

So beginnt Bill Condons neuer Film "The Good Liar", der nach "Gods and Monsters" und "Mr. Holmes" die dritte Zusammenarbeit des New Yorkers mit Ian McKellen darstellt. Es wird zunehmend schwieriger, Projekte zu finden, an denen beide Männer interessiert sind, weil McKellen längst ein Alter erreicht hat, in dem Hauptrollen rar gesät sind. Umso saftiger ist die Rolle des Betrügers, Tricksers und Täuschers Roy, bei der McKellen herrlich variieren kann. Mal gebrechlich, mal vital, mal charmant, mal absolut bösartig, was von einem Moment zum nächsten wechseln kann.

Man erlebt mit, wie Roy andere Leute ausnimmt und betrügt, während er zugleich Betty bezirzt und sie dazu bringen will, ihr ganzes Vermögen auf einem gemeinsamen Konto zu lagern. McKellen spielt das mit teuflischer Freude. Dieser Roy ist ein durch und durch schlechter Mensch. Jemand, der betrügt, weil es ihm Vergnügen bereitet und sein Leben bereichert, nicht, weil er es nötig hätte. Helen Mirrens Rolle ist dagegen unscheinbarer. Sie ist die alt gewordene Lehrerin, ein bisschen spießig, britisch vornehm, auf jeden Fall sehr nett, aber auch ungefährlich. Das möchte der Film zumindest glauben lassen.

Herausragendes Schauspiel-Kino

Man ahnt allerdings schnell - zu schnell -, dass man einem Katz-und-Maus-Spiel folgt, bei dem der Jäger zum Gejagten werden könnte. Unweigerlich fühlt man sich an "Zwei hinreißend verdorbene Schurken" erinnert, nur dass "The Good Liar" dunkler und grimmiger ist. Seine Hauptfigur ist auch bösartiger - "Das alte Böse" eben, wie es Nicholas Searle im Titel seines Romans, der dem Film zugrunde liegt, so schön auf den Punkt bringt. Searles Buch wurde als Thriller vermarktet, ist aber eher die psychologische Studie eines notorischen Übeltäters.

Der Roman ist dichter, in sich stimmiger, auch überraschender als der Film. Denn Searle bringt Rückblicke, die Roy in jüngeren Jahren zeigen. Immer wieder geht es um seine üblen Machenschaften, immer wieder springt man dafür noch weiter in die Vergangenheit zurück, bis zu dem Ereignis, das der Auslöser der eigentlichen Geschichte war. Auch im Film kommt dieses Ereignis, das hier natürlich nicht verraten werden soll, vor - nur deutlich unvermittelter.

Das größte Problem von "The Good Liar" ist dennoch seine Vorhersehbarkeit. Der Film spielt noch mit dem Gedanken, dass die Rollen von Jäger und Gejagtem wechseln könnten, da ist einem das als Zuschauer schon unglaublich lange klar. Das macht den Film weniger spannend, als er sein könnte, langweilig gerät er aber dennoch nie. Das ist den hervorragenden Schauspielern zu verdanken. Es ist die pure Freude, Ian McKellen und Helen Mirren zuzusehen, insbesondere bei den besonders prickelnden gemeinsamen Szenen. "The Good Liar" ist vor allem eines: herausragendes Schauspiel-Kino.

Von Peter Osteried

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