Franz Dinda im Interview
Franz Dinda im Interview
"Dachte, meine Filmkarriere wäre beendet, bevor sie angefangen hat"
Ob "Das Boot", "Babylon Berlin" oder "4 Blocks": Zahlreiche Großproduktionen ließen den deutschen Serienmarkt in den letzten Jahren erblühen und sorgten nicht nur hierzulande, sondern auch international für Furore. Ob der Masse an neuen Produktionen, die derzeit auf den verschiedensten Streamingportalen auf den Markt geworfen werden, verwundert die Geschichte der Crime-Serie "23 Morde" besonders. Einst für das TV-Programm von SAT.1 konzipiert, lag die Serie vier Jahre lange in der Schublade und feiert nun mit reichlich Verspätung Premiere beim Streaminganbieter Joyn (ab 19. August). Hauptdarsteller Franz Dinda spricht im Interview über diese zweite Chance. Außerdem verrät er, weshalb ihn die Lyrik so begeistert und warum seine Schauspielkarriere einst am seidenen Faden hing.

teleschau: Der Dreh von "23 Morde" liegt schon einige Jahre zurück. Welche Erinnerungen haben Sie noch an die Dreharbeiten?

Franz Dinda: Die Dreharbeiten waren sehr intensiv. Das hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, weil es ein Format war, das in dieser Form für mich Neuland war. Zudem haben wir mit Freiheiten gearbeitet, die ich so in dieser Form noch selten erlebt habe.

teleschau: Wie würden Sie die Serie inhaltlich einordnen?

Dinda: Es ist ein Crime-Format mit einer Portion Übersinnlichkeit, denn Maximilian Rapp, die Hauptfigur, hat einen ganz entscheidenden Vorteil: All seine Sinne funktionieren um ein Vielfaches besser als bei anderen Menschen. Trotzdem ist er kein Superheld wie Sherlock, sondern jemand, der trotz seiner Visionen noch selbst interpretieren muss, was er an Tatorten sieht und empfindet.

teleschau: Was zeichnet Rapp noch aus?

Dinda: Vordergründig ist er ein komischer Kauz mit ansatzweise misanthropischen Zügen und jemand mit einer riesigen Faszination für Morde und Tatorte. Das eigentliche Rätsel der Serie ist aber, warum er 23 Morde gesteht, die er erwiesenermaßen nicht alle begangen hat.

teleschau: Was macht "23 Morde" auf psychologischer Ebene mit den Zuschauern?

Dinda: Das Format spielt mit Behauptungen. Hannibal Lecter wird eine Viertelstunde eingeführt, und in dem Moment, in dem er auf der Leinwand erscheint, zucken wir alle zusammen. Das gleiche Prinzip wurde auch bei "23 Morde" angewendet. Max Rapp wird als schlimmster Killer der Gegenwart eingeführt, aber dann wird schnell klar, dass er ein falsches Spiel spielt. Durch sein Verhalten, das selbstsicher, souverän und unbedarft ist, entsteht eine spannende Diskrepanz zwischen dem, was er zu sein scheint und wie er auf den ersten Blick wirkt.

"Ich empfand Gedichte immer als sehr verstaubt"

teleschau: "23 Morde" wurde bereits vor vier Jahren abgeschlossen, wird aber erst jetzt ausgestrahlt. Welche Gründe gab es dafür, neben dem Vorwand, die Serie sei zu düster?

Dinda: Das muss man natürlich in Relation setzen. Die Serie war damals scheinbar für das SAT.1-Programm zu düster, weil man zu diesem Zeitpunkt eher auf humorvollere und buntere Formate gesetzt hat. Zu dieser Ausrichtung passte "23 Morde" dann definitiv nicht.

teleschau: Welche Chance bietet nun die Ausstrahlung auf Joyn?

Dinda: Auf einer solchen Plattform hat man ganz andere Möglichkeiten, auch speziellere Formate auszustrahlen. Denn letztlich hat es dort das Publikum in der Hand. Nichtsdestotrotz hätte ich mir natürlich gewünscht, dass das vier Jahre früher passiert wäre, denn seitdem hat sich natürlich einiges im Bereich Serie getan.

teleschau: Neben der Schauspielerei setzten sich auch intensiv mit der Lyrik als Kunstform auseinander und haben einen begehbaren Gedichtraum, den ReimRaum, entwickelt. Was steckt hinter diesem Konzept?

Dinda: Daran arbeite ich schon sehr lange, und das wird vermutlich auch ein Lebensprojekt werden. Der ReimRaum ist ein Raum, in dem Gegenstände des alltäglichen Lebens zu finden sind. Jeder Gegenstand hat eine Kopplung an den Inhalt und muss eine Synergie mit dem dazugehörigen Gedicht eingehen. Ich habe zum Beispiel einen Spiegel entwickelt, dessen Scheibe beim Betätigen einer Schublade durchsichtig wird und ein Gedicht über das Thema Identität freigibt. Dieses Jahr konnte ich mein Projekt bereits im Rahmen zweier Ausstellungen des "Be A Mover"-Kunstsalons vorstellen, und das hat großen Anklang gefunden, was mich überaus erfreut.

teleschau: Wie ist die Idee dazu entstanden?

Dinda: Ich wollte interessantere Formen für die Präsentation von Gedichten finden. Ich selbst habe ein großes Literaturinteresse und war in der Schule auch im Deutsch LK. Trotzdem habe ich selbst als Lyrikliebhaber Gedichte immer als sehr verstaubt empfunden. Das war für mich Antrieb genug, um über neue und innovative Präsentationsmöglichkeiten nachzudenken.

"Ich empfinde mich als Ästhet"

teleschau: Sowohl der Lyrik als auch der Schauspielerei liegt die Sprache als Prinzip zugrunde ...

Dinda: Dem würde ich zustimmen, aber wenn wir noch einen Schritt weiterdenken, dann ist der gemeinsame Nenner die Emotion. Die Schauspielerei, die Lyrik und andere Bereiche, in denen ich mich engagiere, nutzen dafür nur unterschiedliche Handwerke und Ventile. Die Schauspielerei nutzt den Körper als Instrument, die Lyrik die Sprache und Schmuck die Emotionalität und Ästhetik. In der Schauspielerei habe ich glücklicherweise intensiv mit Sprache zu tun. Wenn dann aber der Film fertiggestellt ist, schalte ich meinen Kopf natürlich nicht einfach aus. Ich habe dann Spaß daran, mich in anderen Bereichen auszuprobieren.

teleschau: Beobachten Sie in der Auseinandersetzung mit Sprache einen Sprachverfall, etwa durch die sozialen Medien oder den vermehrten Gebrauch von Anglizismen?

Dinda: Ich empfinde diese Entwicklung mit Lust und einer großen Entspannung. Sprache hat sich im Verlauf der Zeit immer verändert. Es wurde häufig thematisiert, dass über den Einzug von Anglizismen oder die sprachliche Verknappung durch die sozialen Medien einen Verfall der Sprache stattfände. Ich glaube aber im Gegenteil, dass sich darin die Weltöffnung spiegelt. In meinen neueren Texten habe ich bewusst mit Anglizismen gespielt, weil das einfach der aktuellen Zeit entspricht. Man muss die Sprache der Gegenwart aufgreifen, um Themen der Gegenwart behandeln zu können. Dass Sprache in ihrer Einfachheit und Verknappung aber immer häufiger benutzt wird, um zu verführen, ist noch einmal ein anderes Thema. Da hat Donald Trump eine neue Tür aufgestoßen, und dafür muss eine Sensibilität geschaffen werden. Sonst wird es zu leicht, uns zu manipulieren.

teleschau: Lyrik wird in der öffentlichen Wahrnehmung nur sehr am Rande thematisiert. Würden Sie sich als Nostalgiker beschreiben?

Dinda: Nostalgiker ist ein stark beladenes Wort, weil es so bedeutungsschwanger ist und mit einer starken Interpretation behaftet ist, die mir nicht gefällt. Grundsätzlich gibt es daran Aspekte, die auf mich zutreffen würden. Dennoch könnte es nicht ansatzweise das ausdrücken, was mich antreibt. Ich empfände mich eher als Ästhet.

"Ich betrachte die Religion durchaus kritisch"

teleschau: Die Anfänge ihrer Schauspielkarriere waren durchaus kurios. Die Telefonauskunft soll da eine wichtige Rolle gespielt haben?

Dinda: Das stimmt. Das war zu einer Zeit ohne Internet, in der man auf das Telefonbuch oder die Auskunft angewiesen war. Ich habe mir damals, in meinem Dorf sitzend, bei der Auskunft alle Einträge zum Stichwort Film in der nächstgrößeren Stadt Stuttgart geben lassen und die Nummern durchtelefoniert. Das Prinzip des Durchfragens hat sich in meinem Leben bisher immer bewährt.

teleschau: Bei Ihrem ersten Rollenangebot gab es dennoch einen Gewissenskonflikt ...

Dinda: Die Einladung zu meinem ersten Casting hat sich angefühlt, als dürfte ich für einen Hollywood-Blockbuster vorsprechen. Doch nachdem ich meiner Mutter die Nachricht überbracht hatte, eröffnete sie mir, dass ich in diesem Zeitraum für eine Kirchenfreizeit angemeldet sei, die bereits bezahlt sei. Entsprechend verstimmt bin ich dann in diese Kirchenfreizeit gefahren, und ich dachte, meine Filmkarriere wäre beendet, bevor sie auch nur annähernd angefangen hat.

teleschau: Wie ging es dann weiter?

Dinda: Es geschah das große Wunder, wahrscheinlich auch, weil das Schicksal mir noch einmal eine zweite Chance geben wollte. Die Produzenten des ersten Projekts hatten für mich ein anderes Projekt reserviert: einen Werbespot für das "Lustige Taschenbuch". Das war dann meine allererste Dreherfahrung.

teleschau: Ihre Mutter ist Pastorin. Welche Rolle spielte die Kirche und der Glaube in Ihrer Kindheit?

Dinda: Ich denke, dass in meiner Entwicklung besonders der soziale Aspekt und die Integration in eine Gemeindearbeit eine Rolle gespielt haben. So habe ich früh gelernt, mit Menschen umzugehen.

teleschau: Wie ist heute Ihr Verhältnis zur Religion?

Dinda: Ich betrachte die Kirche durchaus kritisch. Menschen wie meine Mutter leisten eine bemerkenswerte Arbeit und das ist ein Segen für jede Gemeinde. Aber Religion an sich ist mit Vorsicht zu genießen, weil sie zu häufig missbraucht und instrumentalisiert wird. Ein Großteil der Konflikte und Kriege heutzutage wird doch durch eine wie auch immer geartete Form des Glaubens gerechtfertigt. Das sollte allen zu denken geben.

"Heute ist es schöner denn je, Filmschaffender zu sein"

teleschau: Sie haben zuletzt in Großproduktionen wie "Das Boot" mitgewirkt. Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit dort von anderen Projekten wie etwa "23 Morde"?

Dinda: Die Kulissen sind größer (lacht). Sobald ein größeres Budget zur Verfügung steht, kann man eben auch den erzählerischen Bogen aufwendiger spannen und die Geschichte detaillierter ausgestalten. Es ist keine Raketenwissenschaft: Je größer das Bild und je intensiver die Geschichte ist, desto stärker auch der Effekt. Ich glaube, da gab es im Hinblick auf deutsche Filme lange Zeit eine Fehleinschätzung.

teleschau: Inwiefern?

Dinda: Es herrschte die Annahme, dass deutsche Produktionen nicht in der Lage sind, große Geschichten zu erzählen. Da hat sich in den letzten Jahren sehr viel getan. Deswegen ist es heute schöner denn je, Filmschaffender zu sein.

teleschau: "Das Boot" war nicht nur national, sondern auch international ein großer Erfolg. Wie steht es um den Fortschritt der zweiten Staffel?

Dinda: Ich habe meine Rolle des leitenden Ingenieurs "LI" Robert Ehrenberg vor drei Tagen für die zweite Staffel abgedreht. Die Kollegen waren dann einen Tag später fertig. Und eins kann ich jetzt schon verraten: Die Zuschauer dürfen sich auf eine zweite Staffel freuen, die es in sich hat.

Von Julian Weinberger

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