"Star Trek"-Legende
"Star Trek"-Legende
Spock sei Dank: Vor 90 Jahren wurde Leonard Nimoy geboren
"Ich bin nicht Spock" und "Ich bin Spock": Bereits die Titel der beiden Autobiografien von 1977 und 1995 zeugen eindrücklich von einem zwiespältigen Verhältnis zu einer Figur, die in den vergangenen Jahrzehnten das kollektive Kulturbewusstsein entscheidend mitprägte. Leonard Nimoy, der große Gentleman der Science Fiction, war mit dem gewissenhaften Vulkanier aus "Star Trek" so untrennbar verknüpft wie wohl kaum ein anderer Mensch mit einem Charakter der Populärkultur - und fand sich mit dieser Personalunion letztlich nicht nur ab, sondern lebte sie. Nimoy war Spock und er wird für immer Spock bleiben - das zeigt auch die 2016 erschienene Dokumentation, die Adam Nimoy seinem Vater nach dessen Tod widmete, und die den Titel "For the Love of Spock" trägt. Am 26. März wäre Leonard Nimoy, der 2015 im Alter von 83 Jahren starb, 90 Jahre alt geworden.

"Ein Leben ist wie ein Garten: Perfekte Momente können erlebt, aber nicht bewahrt werden - außer in Erinnerungen" - eine Weisheit, die der lungenkrebskranke Nimoy noch wenige Tage vor seinem Tod mit den Fans per Twitter teilte. Eine Legende war er da schon seit Jahrzehnten; seinen ikonischen Ruf hatte er sich ab den 60er-Jahren in der Science-Fiction-Serie "Star Trek" erarbeitet, in der er als Mr. Spock neben William Shatner alias Captain Kirk auf dem Raumschiff Enterprise das Weltall erkundete.

"Faszinierend" lautete Spocks Reaktion auch auf bedrohliche Phänomene. Ebenso lässt sich die Karriere des Schauspielers, Regisseurs und Produzenten Nimoy umschreiben: Über 47 Jahre, zwischen 1966 und 2013, begleitete er den halbmenschlichen wissenschaftlichen Offizier der Enterprise durchs Universum. Oder besser: Spock, der rational kalkulierende Sympathie- und Frisurträger mit den markanten Ohren und der unterkühlten Art, begleitete ihn durchs Leben. Über einen längeren Zeitraum als jeder andere Schauspieler in TV und Kino schlüpfte Nimoy in ein- und dieselbe Rolle, die schon früh Teil seiner selbst wurde.

Er blieb ein Außenstehender

Dabei war der in Boston aufgewachsene Nimoy immer mehr als der verkopfte Logiker an Bord eines Raumschiffes: Leidenschaftlicher Fotograf mit Studienabschluss der University of California beispielsweise, ein Künstler der Schwarz-Weiß-Bilder, der seine Werke in zahlreichen Ausstellungen präsentierte. Zudem schlummerte in ihm ein Schriftsteller mit Hang zur Poesie, einige leider kaum beachtete Gedichtbände zeugen davon. Und wer weiß schon, dass Nimoy als passionierter Sänger neben der "Star Trek"-Merch-LP "Leonard Nimoy presents Mr. Spock's Music from Outer Space" vier weitere Alben produzierte, auf denen er vor allem Cover-Songs zum Besten gab?

Doch ebenso wenig wie ihm eine größere Karriere als Fotograf, Literat oder Musiker vergönnt war, konnte er sich - Spock sei Dank - schauspielerisch vom Raumschiff Enterprise emanzipieren. Nicht, dass er keine anderen Rollen übernahm: Vor, zwischen und nach den "Star Trek"-Serien und -Filmen hatte Nimoy Auftritte in namhaften Produktionen wie "Bonanza" (1960), "Columbo" (1972) "Die Körperfresser kommen" (1978), später auch in "Fringe - Grenzfälle des FBI" (2009).

Doch die Ambivalenz seines Alter Egos Spock, im Sinne des faszinierten außenstehenden Beobachters, schien in Nimoys Biografie bereits früh angelegt: 1931 als Nachkomme jüdisch-orthodoxer Einwanderer aus der Ukraine geboren, verschlug es Nimoy, der schon seit Kindertagen schauspielerte, nach einer kurzen Episode des Schauspielstudiums mit 18 Jahren in Richtung Hollywood. Eine Transformation, die der fließend Jiddisch und Hebräisch sprechende Nimoy mit der ereignisreichen Geschichte seiner Familie zu verbinden wusste: "Meine Leute kamen als Immigranten in die USA, als Fremde, und wurden zu Bürgern. Ich wurde in Boston als Bürger geboren, ging dann nach Hollywood und wurde zum Fremden", philosophierte er in einem Interview.

Mit zahlreichen kleinen Rollen gelang Nimoy in den 50er-Jahren zwar die Anpassung an die Gepflogenheiten des Traumfabrikgeschäfts, ein Außenstehender blieb er dennoch. Bis man in ihm Mitte der Sechziger-Jahre schließlich jenen "großen, dünnen Typen" entdeckte, der für die Besatzung eines ominösen Raumschiffes gesucht wurde, welches sich seinen Weg durch die "unendlichen Weiten" eines befriedeten Weltraums bahnen sollte.

Nimoy hatte die "Star Trek"-Produzenten durch sein Schauspiel in der Weltkriegsserie "The Lieutenant" (1963) überzeugt, sagte für seine erste dauerhafte Serienrolle zu und erschuf mit dem Wissenschaftler Mr. Spock eine der meistzitierten, bekanntesten Ikonen der Popkultur. Eine widersprüchliche, komplexe und undurchschaubare Figur, die Nimoy zu unauslöschlicher Berühmtheit verhalf und ihm, noch während die Ur-Serie "Raumschiff Enterprise" zwischen 1966 und 1969 lief, drei Emmy-Nominierungen bescherte.

Spock wurde "einer seiner besten Freunde", wie Nimoy einmal sagte: "Wenn ich diese Ohren anziehe, wird es ein ganz besonderer Tag." Er teilte seine Existenz mit Spock so intensiv, dass er 1994 die Regie und einen Cameo-Auftritt in "Star Trek: Treffen der Generationen" ablehnte, weil er kein Teil eines Films sein wollte, in dem Spock nicht integraler Teil der Handlung ist. Doch nicht nur das: In Spocks Charakter und Herkunft fand der Migrantensohn in gewisser Weise sich selber wieder: Der halb-menschliche, halb-vulkanische Spock war für Nimoy "die Verkörperung des Außenseiters, so wie die Einwanderer, in deren Mitte ich in frühen Jahren lebte. Wie findet man sich als Fremder in einer anderen Kultur zurecht? Woher kommt deine Identität und Würde? Und wie leistet man seinen Beitrag?"

Nimoy wählte die offensive Identifikation mit der Toleranz und dem würdevollen Leben, das Spock ebenso wie "Star Trek" an sich repräsentierte. Selbst der Vulkanier-Gruß, den er für seine Figur kreierte, hatte seinen Ursprung in Nimoys eigener Sozialisation: Die in der Mitte gespreizte Hand ähnelt der Geste der Cohanim, der jüdischen Priester beim Gottesdienst in der Synagoge.

Tiefe Freundschaft mit William Shatner

Nimoys Spock war einer, zu dem man auch außerhalb der Trekker-Community respektvoll aufblickte. Einer, den man bisweilen ob seiner Empathielosigkeit aber nicht ganz verstand und dem seinerseits als analysierender, verstandesgeleiteter Beobachter die menschlichen Triebe und Emotionen oft unverständlich erschienen. Trotzdem oder gerade deswegen entwickelte sich Spock zur beliebtesten Figur der Serie neben Captain Kirk.

Mit dessen Darsteller William Shatner verband Nimoy nicht nur das Geburtsjahr und einen beim Dreh erlittenen Tinnitus, sondern auch eine tiefe, langjährige Freundschaft. Nach Absetzung der Original-"Star Trek"-Serie kehrte der zur Kultfigur gereifte Spock zwischen 1979 und 1991 in den sechs ersten Kinofilmen auf die Enterprise zurück - zwei dieser Filme inszenierte Nimoy: Mit "Star Trek III: Auf der Suche nach Mr. Spock" gab er 1984 sein Regiedebüt, zwei Jahre später leitete er "Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart". Es folgten vier weitere Nicht-"Star Trek"-Filme als Regisseur, darunter "Noch drei Männer, noch ein Baby".

Doch auch trotz zahlreicher Versuche, beispielsweise 1982 mit "Marco Polo" oder 1998 mit "Brave New World" in Gebieten außerhalb der Enterprise-Welt Fuß zu fassen, blieb er Mr. Spock. Selbst Nimoys mehrfache Ankündigungen, sich endgültig aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen, verwarf er immer wieder und feierte seine Rückkehr als gealterter, inzwischen legendärer Vulkanier 2009 in der Neuauflage von "Star Trek" sowie 2013 in "Star Trek: Into Darkness".

"Live long and prosper", die empathische Devise aus "Star Trek", begleitete ihn auf Schritt und Tritt. Nie fehlte dem generationsübergreifenden Helden dabei der selbstironische Umgang mit seiner Festlegung auf eine Rolle - das zeigen insbesondere seine Gastauftritte als Spock oder als er selber bei den "Simpsons", in "Futurama" oder "The Big Bang Theory". Am Ende riet Nimoy seinen Fans, denen er von Trekker-Messen bis zum Social Web immer die erwartete Präsenz und Fürsorglichkeit bot, auf Twitter: "Ich habe vor 30 Jahren mit dem Rauchen aufgehört. Nicht früh genug. Ich habe COPD. Opa sagt: Hört jetzt damit auf!"

Sein Zigarettenkonsum war Ursache für die unheilbare Lungenkrankheit, an deren Folgen Leonard Simon Nimoy am 27. Februar 2015 im kalifornischen Bel Air starb. Zuvor hatte er noch eines seiner Gedichte veröffentlicht - etwas, das Spock wohl nie getan hätte: "Du und ich / Haben das Lied der Liebe gelernt / Und wir werden es singen / Das Lied ist zeitlos". In welcher Zeitlosigkeit sich Nimoy nun, da seine sterblichen Überreste seit mehr als sechs Jahren im "Garden of Solomon" des Hillside Memorial Park Cemetery in Culver City begraben liegen, auch immer befindet: Spock wird weiter lang und in Frieden leben. Den "unendlichen Weiten", in denen die Enterprise unterwegs war, werden er und sein Darsteller ebenfalls erhalten bleiben: Kurz nach seinem Tod 2015 wurde der Asteroid (4864) Nimoy nach ihm benannt.

Von Maximilian Haase

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