"Asche ist reines Weiß"
Filmbewertung: überzeugend
Starttermin: 28.02.2019
Regisseur: Jia Zhangke
Schauspieler: Zhao Tao, Fan Liao, Zheng Xu
Entstehungszeitraum: 2018
Land: CHN
Freigabealter: 12
Verleih: Neue Visionen
Laufzeit: 135 Min.
Härte und Menschlichkeit
Wer von Peking ein paar hundert Kilometer nach Südwesten fährt, in die Provinz Shanxi, riecht sie bald: die Kohle, deren markanter Geruch hier überall in der Luft zu hängen scheint. Shanxi ist das schwarze Herz Chinas, hier lagern, im trockenen, staubigen Boden, die größten Kohlevorräte des Landes. Dennoch ist Shanxi eine arme Provinz. Die Glitzerfassaden von Millionenstädten wie Dandong oder Taiyuan sind nur ein müder Abklatsch der Wolkenkratzer in den Ostküstenmetropolen. Hier, in dieser so verlassenen Gegend, kam 1970 Jia Zhangke zur Welt, der vielleicht wichtigste Filmemacher Chinas.

"Die ersten 20 Jahre meines Lebens habe ich in Shanxi verbracht. Ich kenne die Menschen und weiß, wie sich das Leben dort anfühlt", erzählt Jia beim Interview anlässlich seines neuen Films "Asche ist reines Weiß", der am 28. Februar in den deutschen Kinos anläuft. Auch "Asche ist reines Weiß", eine düster-romantische Gangsterballade, spielt in Shanxi, so wie viele von Jias Werken. Der Film erzählt von einem Gangsterboss aus der Provinz, gespielt von Liao Fan ("Feuerwerk am helllichten Tage") und seiner Freundin Qiao (Zhao Tao, Jias Ehefrau). Als Bin, so heißt der Gangster, mit einer Jugendgang aneinandergerät, zieht Qiao eine Waffe. Sie muss ins Gefängnis, denn Waffenbesitz ist in China verboten. Als sie fünf Jahre später wieder freigelassen wird, macht sie sich auf die Suche nach Bin.

"Auch in Peking oder Shanghai gibt es interessante Geschichten", sagt Jia. Ihn interessierten aber nicht die Gewinner, die China in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat, sondern die Zurückgebliebenen. "In China gibt es große Unterschiede zwischen Stadt und Land. Deswegen ziehen alle nach Osten, wo es Arbeit gibt. Diese ignorierten, zurückgelassenen Gebiete finde ich spannend."

Zensur und Schuld

Nach einem Filmstudium in Peking drehte Jia 1997 "The Pickpocket" ("Xiao Wu") in seiner Geburtsstadt Fenyang. Vor dem Hintergrund der Rückgabe Hongkongs an China erzählt er von einer Gruppe Taschendieben, die versuchen, in der Legalität Fuß zu fassen. Im Ausland lief "The Pickpocket" auf Festivals, in Berlin etwa. In China wurde er nicht gezeigt. "Meine ersten drei Filme wurden in China verboten", erinnert sich Jia. "Jeder Film, den ein Künstler gemacht hat, sollte auch gezeigt werden. Ein Künstler ist nie Schuld dran, wenn sein Film verboten wird - sondern immer die Zensur. Wenn ich einen Film mache, gibt es für mich keine roten Linien. Ich würde mich nie einschränken, um den Film zeigen zu können."

Während Jias Filme also nur auf ausländischen Festivals liefen, eroberte der chinesischsprachige Mainstream-Film die Welt. Ang Lee drehte "Tiger and Dragon", Zhang Yimou "Hero". Von diesen bildgewaltigen Historiendramen hält Jia nicht viel. "Es ist schade, dass die chinesische Kinolandschaft so eintönig ist", klagt er. Wo Zhang Yimou in der Opulenz der chinesischen Vergangenheit schwelgt, rückt Jia die chinesische Realität in den Fokus. Dass er dabei ein China zeigt, das nicht recht passen will ins Bild, das die chinesische Propaganda vom Land zeichnet, ist ihm bewusst. "Als Künstler habe ich nur eine Wahl: Filme zu machen, die die harte Realität zeigen", sagt er. "Es ist nicht die Aufgabe der Kunst, ein Land zu repräsentieren. Es geht darum, Menschlichkeit zu reflektieren."

1,4 Milliarden Geschichten

Erst 2004 dreht Jia einen Film, der den Segen der chinesischen Regierung hat: "Shijie - The World". Zhao Tao, Jias spätere Ehefrau, spielte die Hauptrolle. Seit "Shijie", so beteuert Jia, habe er keine Probleme mehr mit der Zensur. "Man muss bei der Behörde ein zweiseitiges Exposé vorlegen, nicht aber das gesamte Drehbuch", erklärt er. "Wenn der Film fertiggestellt ist, muss eine Kopie vorgelegt werden. Während der Dreharbeiten ist man aber völlig frei."

In den letzten Jahren war Jia Dauergast bei den Festivals in Cannes, Berlin und Venedig. "Still Life", eine Liebesgeschichte am Dreischluchtenstaudamm, gewann am Lido den Goldenen Löwen. Das Drama "A Touch of Sin", die Dokumentation "24 City" und Jias letzte beiden Filme, "Mountains May Depart" und eben "Asche ist reines Weiß", liefen in Cannes im Wettbewerb.

Ein bisschen ist "Asche ist reines Weiß" so etwas wie die Essenz aus Jias bisherigem Werk - ein Film über einsame, entfremdete Individuen, die durch eine Welt taumeln, die sich schneller ändert als die Menschen, die in ihr leben. Jias Blick ist kompromisslos, aber voller Empathie - und getaucht in wunderbarschöne Bilder. "Chinesische Regisseure haben einen großen Vorteil", sagt er. "Sie leben in einem Land mit 1,4 Milliarden Menschen. Das ist eine riesige Quelle für Geschichten."

Von Sven Hauberg

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