"Ad Astra - Zu den Sternen"
Filmbewertung: ausgezeichnet
Starttermin: 19.09.2019
Regisseur: James Gray
Schauspieler: Brad Pitt, Tommy Lee Jones, Ruth Negga
Entstehungszeitraum: 2019
Land: USA
Freigabealter: 12
Verleih: 20th Century Fox of Germany
Laufzeit: 124 Min.
Brad Pitt im Interview
Brad Pitt im Interview
"Wenn du ein Gefühl nur vorspielst, ist das Bullshit"
Während Brad Pitt noch in Quentin Tarantinos Hollywoodhommage "Once Upon A Time in Hollywood" auf den Leinwänden zu sehen ist, kommt schon der nächste Film mit ihm ins Kino: In James Grays meditativem Weltraumepos "Ad Astra - Zu den Sternen" (Start: 19. September) spielt der 55-jährige Superstar den stoischen Raumfahrtingenieur Roy McBride. Dessen Vater brach vor 20 Jahren zu einer Neptunmission auf, kehrte aber nie zurück. Nun glauben die Behörden, dass er noch lebt und für elektromagnetische Störungen aus dem All verantwortlich ist, die die Erde bedrohen. Roy macht sich auf die Suche nach ihm. Beim Interview während der Filmfestspiele von Venedig, wo "Ad Astra" umjubelte Weltpremiere feierte, spricht Brad Pitt über innere Verletzungen, Risikobereitschaft in Hollywood - und Umarmungen.

teleschau: Brad Pitt, "Ad Astra" ist eine ungewöhnliche Mischung aus psychologischem Drama und Weltraumfilm ...

Brad Pitt: Ich fand es einen genialen Schachzug von Regisseur James Gray, der ja auch das Drehbuch geschrieben hat, die Geschichte im All spielen zu lassen. Denn dort ist man mit dem Abgrund konfrontiert, mit der vollständigen Leere. Und deshalb zwingt eine Reise zu den äußeren Grenzen unseres Sonnensystems dazu, sich auch auf sein Innerstes einzulassen. Dieses Konstrukt fand ich brillant. Offenheit und Enge können ein Individuum sehr beeinflussen. Das hat natürlich auch etwas mit der Art und Weise zu tun, wie wir großgezogen worden sind, mit unserer maskulinen Identität.

teleschau: Und die definiert sich wie?

Pitt: Ein Mann sollte immer Lösungen parat haben, stark sein, sich nicht despektierlich behandeln lassen. Letzteres finde ich aus heutiger Sicht am lachhaftesten. Meine Eltern zum Beispiel sind mehr von der Sorte "Pioniere" gewesen. Wenn wir Kinder uns den Arm gebrochen, uns geschnitten oder eine Beule am Kopf hatten, wurde erwartet, dass wir die Zähne zusammenbissen, die Verletzung ignorierten und einfach weitermachten. Und erst recht nicht hatte man zuzugeben, dass es weh tat. Dasselbe gilt für innere Verletzungen. Wir geben sie nicht zu, erkennen sie nicht an. Und so lehnt man auch einen Teil von sich selbst ab.

"Man muss lernen, sich selbst zu umarmen"

teleschau: Was macht diese Ablehnung mit einem?

Pitt: Sie kann einen später davon abhalten, sich selbst wirklich zu erkennen und offen für andere zu sein. Denn wenn man diese Fassade aufrechterhält, dann ist das eine Barriere, die verhindert, offen mit denjenigen umzugehen, die man liebt. Es hindert einen unter Umständen daran, ein besserer Partner zu sein, ein besserer Vater, ein besserer Mensch. Und ein besserer Freund seiner selbst. Da wollen wir aber doch am Ende alle hin. Man muss lernen, sich selbst zu umarmen. Aber für die Darstellung - das ist ja immer das Missverständnis bezüglich der Schauspielerei - darf man solche Gefühle nicht faken. Wenn du ein Gefühl nur vorspielst, ist das Bullshit. Es berührt nicht, hat keine Resonanz. Ich muss absolut ehrlich sein. Und ich muss etwas empfinden, damit es auch den Zuschauern etwas bedeutet. Nur so können sie einen Bezug zu sich selbst, zu ihrem Leben herstellen.

teleschau: Auch Roy McBride darf nichts vorspielen. Der Zustand seines Innersten wird fortlaufend überwacht, er muss psychologische Fitness-Tests absolvieren ...

Pitt: Ein Zustand der ständigen Beobachtung und Evaluierung! McBride befindet sich fortwährend auf feindlichem Gelände. Das einzubauen war in meinen Augen ein weiterer genialer Kniff von James Gray. Roy wird ständig auf seine psychische Stabilität hin kontrolliert, aber nicht etwa mit dem Ziel, ihm zu helfen oder weil sich jemand um seine Gesundheit sorgen würde, sondern nur, um sicherzustellen, dass er im Sinne der Mission funktioniert.

teleschau: "Ad Astra" spielt in der nahen Zukunft und wirkt äußerst realistisch. Haben Sie sich zur Vorbereitung auf Start- und Landeszenen mit echten Astronauten getroffen?

Pitt: Ich habe mich nur mit einem Piloten getroffen, der das Space Shuttle geflogen hat. Ich war ja selbst mal Pilot, hatte eine Fluglizenz für kleine Propellermaschinen. Man muss sie regelmäßig erneuern, meine ist leider verfallen. Aber auf diese Erfahrungen konnte ich beim Dreh zurückgreifen, damit technische Abläufe überzeugend aussehen. Aber in meinen Augen ging es ohnehin mehr um McBrides innere Reise.

"Es ist der Wahnsinn, dass Quentins Film derartig eingeschlagen hat"

teleschau: Roy McBride und Cliff Booth aus "Once Upon A Time in Hollywood" könnten unterschiedlicher nicht sein. Cliffs Reise führt Sie als seinen Darsteller vielleicht zur nächsten Oscarnominierung ...

Pitt: Es ist der Wahnsinn, dass Quentins Film derartig eingeschlagen hat. Weltweit über 200 Millionen Dollar Einspielergebnis! Es war in diesem Kinosommer der einzige derart erfolgreiche Originalstoff - also kein Franchise, kein Sequel, keine Comicverfilmung. Das zeigt, dass es sich für die Studios doch noch immer lohnt, auf solche Filme zu setzen. Mich freut das ganz besonders, denn es entspricht auch meinem persönlichen Kinogeschmack.

teleschau: Sie haben "Ad Astra" mitproduziert. Bemühen Sie sich als Produzent, solche Filme besonders zu fördern?

Pitt: Ich schätze ich mich natürlich sehr glücklich, dass ich beides tun darf. Sowohl als Produzent wie auch als Darsteller ist das Filmgeschäft immer ein wenig Glücksspiel. Es gibt ja einen Grund dafür, warum die Studios solche Risiken immer weniger eingehen: Das wirtschaftliche Risiko ist so dermaßen hoch, denn Filme sind eben richtig teuer! Ein Film, den man für 40 Millionen produziert, kostet weitere 40 Millionen, um ihn ordentlich zu bewerben, Presse zu machen und so weiter. Diese Zusatzkosten führen dazu, dass mutigere Filme aktuell fast nur für Streamingdienste gemacht werden. Die haben nämlich nicht diese Extra-Ausgaben an der Backe. Für die große Leinwand, das gemeinsame Kinoerlebnis werden diese Filme leider weniger. Daran trägt niemand Schuld, aber es ist eine wirtschaftliche Entwicklung, die sich nicht leugnen lässt.

Von Kerstin Lindemann

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